Die Pflege schwerstkranker Menschen gemeinsam tragen

Die Pflege schwerstkranker Menschen gemeinsam tragen

Iserbrook, 6. März 2014: Pflegekräfte sorgen sich um alte und kranke Menschen. Oft begleiten sie ihre Patienten über lange Zeiträume hinweg bis zu ihrem Tod. Aber wie lernt man, einem Menschen beizustehen, der im Sterben liegt? Gibt es dafür ein Unterrichtsfach?

Eine Antwort auf diese Frage fand sich kürzlich in der Diakoniestation Elbgemeinden, wo 12 Pflegekräfte der Pflegediakonie ihre bestandene Weiterbildung zur „Palliative Care Fachkraft“ feierten: „Jede Pflegekraft muss sich persönlich mit den Fragestellungen des Lebens und seinem Ende auseinandersetzen und eine eigene Haltung dazu entwickeln“, so Katrin Zehl, Prokuristin der Pflegediakonie. „Dieser Kurs erlaubt eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik und unterstützt den Prozess der Selbstreflexion.“ Seit November 2013 besuchten die Mitarbeitenden der Pflegediakonie dafür den wöchentlichen Kurs von Petra Lösing (Höher Management). So bekamen sie nach und nach ein theoretisches Rüstzeug, das sie neben ihren persönlichen Erfahrungen in ihrer Arbeit anwenden können. Von diesem neuen Wissen profitieren auch die KollegInnen der jeweiligen Einrichtung, denn es gehört zur Arbeitskultur der Pflegediakonie, sich gegenseitig zu unterstützen und Wissen zu teilen.

Palliativversorgung in stationären Einrichtungen

Die Ausbildung von Fachkräften für Palliativpflege ist kein neuer Ansatz der Pflegediakonie – zahlreiche Mitarbeitende aus allen Diakoniestationen zwischen Südhamburg und dem Norden Schleswig-Holsteins absolvierten bereits eine solche Fortbildung. Erstmalig nahmen aber auch Mitarbeiterinnen aus der stationären Einrichtung Bugenhagenhaus teil: „Die Pflegekräfte in stationären Einrichtungen bauen eine sehr intensive Beziehungen zu den Bewohnern auf – vermutlich noch stärker als in der ambulanten Pflege“, betont Mitarbeiterin des Bugenhagenhauses Barabara Szubert. Auch hier zeigt sich die Einheit und enge Zusammenarbeit der einzelnen Einrichtungen der Pflegediakonie: Bei Bedarf unterstützen ambulante Pflegekräfte aus der Nähe die Betreuung schwerstkranker Menschen in den stationären Einrichtungen.

Nähe und Distanz

Wesentlicher Bestandteil des Unterrichts war das Thema „Nähe und Distanz“: Wie schaffe ich es, Empathie für den Patienten aufzubauen, ohne mich selbst zu sehr zu belasten? Aber auch die Vermittlung von medizinischem Fachwissen stand auf dem Stundenplan: Krankheitsbilder, Symptomkontrolle, Medikamente und alternative Behandlungsmethoden helfen den Pflegekräften, ihre Patienten n Zukunft noch besser zu unterstützen. Und da der Umgang mit dem Tod immer auch eine gesellschaftliche Komponente hat, besuchten die Kursteilnehmer ergänzend einen Bestatter, ein Krematorium sowie ein Hospiz und gewannen so die verschiedensten Einblicke in ein Thema, das in Deutschland noch immer zu oft tabuisiert wird. Diese Hemmschwelle wollen die Mitarbeitenden der Pflegediakonie nicht gelten lassen: „Das Thema Tod gehört zu unserer Arbeit dazu“, sagt Kezban Dündar und ihre Kollegin Barbara Szubert fügt hinzu: „Der Kurs hat uns in der Haltung gestärkt, dass wir das Leben nicht immer retten müssen und können – dass wir aber einen ganz großen Einfluss darauf haben, wie die restliche Lebenszeit gestaltet wird“, sagt die Pflegekraft „Mit dieser Einstellung, dem neu erworbenen Wissen und der Unterstützung meiner Kollegen kann ich mich nun noch besser auf den Patienten konzentrieren, ohne mich vom Arbeitsalltag oder anderen Personen ablenken zu lassen.“

Weckruf in Versform

Weckruf in Versform

„Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium …“ erklang es kürzlich in einem Chor aus vielen Stimmen in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Norderstedt. Grund dafür war der Besuch des Poetry-Slammers Lars Ruppel. Mit seinem berühmten Programm Weckworte für Menschen mit Demenz und mit der Unterstützung einer Gruppe von Altenpflegeschülern weckte er bei den Teilnehmern Erinnerungen, die diese für längst verloren geglaubt hatten.

Keine 30 Sekunden dauerte es, bis Lars Ruppel die Bewohner der WG und Gäste der angrenzenden Tagespflege für sich gewonnen hatte. Und das, obwohl der Gemeinschaftsraum an diesem Vormittag aus allen Nähten platzte: Da waren neben den Altenpflegeschülern auch Mitarbeiter, ein Kamerateam und mehrere Pressevertreter. Dennoch schaffte es der gebürtige Hesse, die Aufmerksamkeit seiner in einem Stuhlkreis versammelten Gäste eine geschlagene Stunde auf sich und sein Programm zu lenken. Indem er sich voll und ganz auf sie konzentrierte – und sie sich auf ihn. Indem er im Viervierteltakt reimte, dichtete, klatschte, mit seiner Stimme spielte und in besonderer Weise mit den Teilnehmern interagierte. Es war unverkennbar: Er bewegte etwas in den Menschen. Viele nahmen aktiv teil, vollendeten seine begonnen Verse, lachten und sangen. In einem der WG-Bewohner fand Lars Ruppel sogar einen ebenbürtigen Konterpart – wann immer der „professionelle Poet“ zum Ende einer Sequenz kam, wusste Herr Hirche noch einen Reim draufzusetzen.

Erfolgserlebnisse schaffen

Wie gelingt es einem 28-Jährigen, der von sich selbst sagt, das Schulfach Deutsch verabscheut zu haben, allein durch Worte einen Zugang zu demenziell erkrankten Menschen zu finden? Er spricht ihre Sprache. Die Sprache einer Generation, die Schillers Lied von der Glocke vor dem Lehrer auswendig aufsagen musste. Bei der das Melken der Kühe noch Handarbeit war und die Schillers Ode an die Freude selbstverständlich mit der Melodie Beethovens 9. Sinfonie kombiniert. Damit schafft er Erfolgserlebnisse. Menschen, deren Alltag aufgrund des zunehmenden Vergessens häufig von Enttäuschungen geprägt ist, können weite Teile des Programms auswendig mitsprechen: „Ich kenne noch den ganzen Text“, staunte eine Teilnehmerin über sich selbst.

Konzept mit Nachhaltigkeit

Zum Konzept von „Weckworte“ gehört die Einbindung des Programms in einen Workshop. In Norderstedt arbeitete Lars Ruppel mit Altenpflegeschülern der IBAF Norderstedt zusammen. Ihnen zeigte er, wie traditionelle Reime, Volksweisen und Lieder Menschen mit Demenz im wahrsten Sinne des Wortes „aufwecken“ können. Grund für seine Kooperationen ist der Wunsch der Nachhaltigkeit seiner eigenen Arbeit: „Ich bin mir bewusst, dass mein Auftritt nur einen kurzfristigen Effekt auf die Teilnehmer hat.“ Deshalb bringt er Menschen aus der Pflegebranche seine Methoden bei. Diese finden große Anerkennung bei den Schülern – stoßen aber auch auf Unsicherheit. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf mich allein gestellt ein solches Ergebnis erbringen könnte. Ich kenne all diese Gedichte nicht“, gibt eine Teilnehmerin zu bedenken. Lars Ruppel nimmt die Angst: Es geht bei den „Weckworten“ nicht um hohe literarische Kunst. Goethe gern – aber nur, wenn man auch selbst Spaß daran hat. Reime, Verse und Strophen gibt es auch in viel einfacheren Formen: „Kindergedichte eignen sich prima“, sagt Lars Ruppel. So nimmt er den Altenpflegeschülern die Angst vorm auswendig lernen. Und „Das Reh springt hoch, das Reh springt weit – warum auch nicht, es hat ja Zeit“ – diesen Reim von Heinz Erhardt hat sich bisher noch jeder merken können.