Botschafter für Bewegung

Botschafter für Bewegung

Wie dreht man einen bettlägerigen Patienten? Wie hebt man jemanden in den Rollstuhl? Wie zieht man einem pflegebedürftigen Menschen die Socken an? Es gibt viele Wege – einer davon lautet Kinaesthetics.

Die Bewegungslehre hilft dabei, vorhandene Bewegungsressourcen ausfindig zu machen, zu nutzen und neue zu schaffen. Was abstrakt klingt, hat für Pflegekräfte einen unermesslichen Wert: Sie sparen Kräfte und schonen den Rücken. Aber auch Pflegebedürftige profitieren. Sie gelangen zu neuer Selbstständigkeit und erweitern ihre Bewegungsmöglichkeiten immens.

Regelmäßig schult die Pflegediakonie ihre Mitarbeitenden, um die Anwendung von Kinaesthetics im Pflegealltag zum Standard zu machen. In diesem Jahr gab es zudem erstmalig eine Zusatzausbildung zum „Peer-Tutor“. Die acht Teilnehmenden haben mit diesem Titel ein Amt inne, hinter dem eine Mission steckt: Gemeinsam mit Kollegen die Alltagssituationen der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen zu beobachten und zu lernen, wie Selbstständigkeit in der Bewegung gefördert werden kann.

Seit Juni 2013 traf sich die Gruppe zu insgesamt sieben Seminartagen im Saal der Großstadtmission in Prisdorf. Dabei paukten sie nicht nur die sechs Kinaesthetics-Konzepte. Sie lernten vor allem, Bewegungsabläufe zu beobachten und zu analysieren, sie selbst zu spüren und andere darin anzuleiten. Denn Kinaesthetics geht davon aus, dass Lernen erst durch Sinneserfahrungen möglich wird.

Nach erfolgreicher Prüfung lud die Lerngruppe rund um Pflegeberaterin Eleonore Wienke und Kursleiterin Gundula Höppner ihre Pflegedienstleitungen zu einer Abschlusspräsentation ein: „Die Peer-Tutoren brauchen die Unterstützung ihrer Pflegedienstleitungen“, so Gundula Höppner, die deutschlandweit KinaestheticsKurse anbietet und bereits einen festen Platz in der Pflegediakonie hat. „Und diese müssen verstehen, was Kinaesthetics bedeutet.“

Ein Körper – sieben bewegliche Teile

Der Unterschied muss am eigenen Leib erfahren werden – so auch in dieser Abschlusspräsentation. Unter die Arme greifen, um jemanden auf einen Stuhl zu setzen? Anstrengend und unangenehm. Ihn aber über die Seiten in einer Art Wellenbewegung nach hinten rutschen lassen? Diese Methode ist angenehmer und kräfteschonend.

Die Erklärung dafür liegt in einem der Kinaesthetics-Prinzipien: Der Körper besteht aus sieben beweglichen Teilen, deren Bewegungen fließend aufeinanderfolgen müssen. Ein Bein nach dem anderen, erst ein Arm, dann der andere. Häufig stellen Pflegekräfte fest: Ist eine Bewegung erst auf die richtige Weise in Gang gesetzt, folgt oft der ganze Körper wie von allein.

Wie weitreichend die positiven Effekte der Bewegungslehre sein können, überraschte aber selbst die erfahrenen Pflegedienstleitungen. Vorher-Nachher-Bilder zeigen eine gehende Frau – noch einige Wochen zuvor war die Bewohnerin der Seniorenresidenz Bugenhagenhaus (Groß-Flottbek) kaum in der Lage, aufzustehen. In der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Pinneberg war das zu-Bett-Bringen einer anderen Frau ein abendlicher Kraftakt. Nach der Umsetzung einiger Kinaesthetic-Konzepte liegt sie schnell, entspannt und zufrieden im Bett.

Katrin Zehl, Prokuristin der Pflegediakonie, ist beeindruckt von den Ergebnissen und dem Engagement ihrer Mitarbeitenden: „Ich bin bewegt – nicht nur von den Ergebnissen eurer Arbeit, sondern auch, wie kreativ ihr individuelle Lösungsansätze findet. Außerdem habt ihr den Mut, immer wieder an festgefahrenen Strukturen zu rütteln – so soll es sein.“

Sieben Leben - Ein Tag in der ambulanten Pflege

Sieben Leben - Ein Tag in der ambulanten Pflege

Als es hell wird an diesem Mittwochmorgen im Januar, ist Christina Golsche bereits seit drei Stunden unterwegs. Vier Personen hat sie mit Schwung in den neuen Tag begleitet, hat Frühstück zubereitet, Medikamente zusammengestellt, beim Waschen und Anziehen geholfen, gelacht, getröstet und sich dabei weder von der Uhrzeit noch vom nasskalten Hamburger Schietwetter beirren lassen.

Meine Vormittage sehen für gewöhnlich anders aus. Ich kümmere mich um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Pflegediakonie – und das selten vor neun Uhr morgens. Natürlich bekomme ich dabei auch mit, wie über die Arbeitsbedingungen in der Pflege gesprochen wird. Unmögliche Arbeitszeiten, Zeitdruck, schlechte Bezahlung – in der deutschen Presse ist die Pflege ein wahrer Miesepeter. Wann immer ich aber in eine Einrichtung der Pflegediakonie komme, empfangen mich fröhliche, freundliche und engagierte Mitarbeitende.

Es wird Zeit, dass ich mir selbst ein Bild mache vom Pflegealltag. Und der beginnt für mich morgens um sechs an der Diakoniestation Elbgemeinden. Christina Golsche, seit 16 Jahren Pflegekraft, hat sich bereit erklärt, mich eine Tour lang als Praktikantin einzustellen. Der Tourenplan verrät: Sieben Patienten werden wir an diesem Vormittag versorgen. Von LK 03 – „große erweiterte Toilette“ bis LK 16 – „Zubereitung kalte Mahlzeit“ werden wir alles tun, was man eben so tut beim Start in den Tag. Je nach Leistung hat Christina Golsche dafür 5 bis 65 Minuten Zeit. Ich bin gespannt, wie man in fünf Minuten mehr zustande bringen kann, als „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ zu sagen.

Hacki, Putzi und das Rosinenbrot
Unsere erste Patientin ist Frau H. Die kleine zierliche Dame mit der erstaunlich faltenfreien Haut ist 91 Jahre alt und bettlägerig. In ihrer Wohnung entdecke ich Spuren eines aktiven, kulturellen Lebens. Bücher über die Oper, Gemälde, Fotografien. Christina, die Frau H. liebevoll „Hacki“ nennt, bestätigt mir, dass diese gern klassische Musik hört. Im Moment ist Frau H. allerdings noch ziemlich verschlafen – ein Cappuccino aus der Schnabeltasse soll sie munter machen. Mir reicht Christina ein paar Handschuhe. Zeit zu überlegen, ob ich das möchte, bleibt nicht. Frau H. benötigt frische Kleidung und Bettwäsche und sie muss neu gelagert werden. Christina erklärt: „Es gibt verschiedene Positionierungen, in die wir die Patientin abwechselnd bringen, damit keine Druckstellen entstehen.“ Mein Job ist es, Frau H. mal auf der einen, mal auf der anderen Seite zu stützen. Christina erledigt den Rest – nicht aber ohne jeden Handgriff zuvor genau anzukündigen. „Ich pflege so, wie ich selbst gepflegt werden wollte. Und dazu gehört, genau zu wissen, was als nächstes geschieht.“ Schneller als erwartet liegt Frau H. in frischer Kleidung friedlich in ihrem Bett. War das jetzt schlimm? Nicht wirklich. Eine Frau braucht Hilfe, wir können helfen. So einfach ist das. Ich reiche ihr Honig-Rosinenbrot in mundgerechten Stückchen an und erzähle dabei, dass ich Rosinen nicht ausstehen kann. Ich frage sie nach ihrer Lieblingsoper. „Wagner ist zu schwer“, antwortet sie. Das habe ich schon öfter gehört.

Wir sind fertig. Bevor wir gehen, arrangiert Christina sorgsam den Nachttisch: Getränk und Süßigkeiten griffbereit, daneben „Putzi“, ein kleines Glücksschwein, das Frau H. Gesellschaft leistet, bis am Mittag die nächste Pflegekraft vorbeikommt.

Fünf-Minuten-Fahrt in ein anderes Leben
Die Touren einer Pflegekraft sind bestmöglich geplant, wenn sie weite Autofahrten dazwischen vermeiden. Wir brauchen zu unserer nächsten Patientin nicht mehr als fünf Minuten. Ich hätte mir mindestens 50 gewünscht, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Christina versteht, wovon ich rede: „Während der Autofahrt rekapituliere ich den vorherigen Einsatz und bereite mich mental auf meinen nächsten Patienten vor.“ Ganz schön viel Kopfarbeit für eine solch kurze Zeit. Denn Christina fährt nicht nur von Haus zu Haus. Sie fährt von Leben zu Leben. Gemeinsam mit ihren Patienten lebt sie ein Stück deren Alltags. Sie weiß, dass Frau T. ihr Müsli nur warm mag und Frau P. ihr Graubrot mit extra viel Butter isst. Mit Witz und Charme schiebt sie bei Herrn E. eine Spontan-Rasur ein – und sie akzeptiert ohne ein Augenzucken, dass die depressive Frau F. um 11 Uhr noch im Bett liegt: „Wir haben es mit erwachsenen Menschen zu tun. Nur weil ich jeden Morgen aufstehe, dusche, putze, kann ich das nicht von meinen Patienten verlangen. Jeder hat das Recht, für sich selbst zu entscheiden.“ In der Pflege-Fachsprache gibt es dieses nüchterne Wort „Bezugspflege“. Jetzt bekommt es für mich Gestalt.

Wir fahren zu Frau P., wo sowohl Christina als auch ich freudig überrascht werden. Christina, weil Frau P. heute einen besonders guten Tag hat und ich, weil ich Treppenlift fahren darf. Die etwa 8.000 Euro teure Anlage ermöglicht es Frau P., weiterhin in ihrem Schlafzimmer im ersten Stock zu nächtigen. Dennoch denkt sie zurzeit über einen Umzug in eine Seniorenresidenz nach. Das Leben zu Hause wird zunehmend beschwerlich. Von einem Überfall durch mehrere Jugendliche im letzten Jahr hat sie sich nie ganz erholt.

Zeitlos in kürzester Zeit
Mir fällt auf: Christina schaut niemals auf die Uhr. War da nicht was mit unerträglichem Zeitdruck in der ambulanten Pflege? „Ich lege sie ab, wenn ich zu einem Patienten komme. Sonst gerate ich in Stress und das überträgt sich sofort“, erklärt die Pflegefachkraft. „Natürlich brauche ich manchmal länger. Andere Male bin ich schneller fertig als geplant. Das gleicht sich schon irgendwie aus.“ Irgendwie schafft es Christina außerdem, selbst während der fünf-Minuten-Einsätze gute Laune zu verbreiten. Überall wird sie freudestrahlend begrüßt und geherzt, überall findet sie neben Medikamentengabe und dem Anziehen von Kompressionsstrümpfen noch Zeit für kleine Alltagsplaudereien. Aber für die Strümpfe bin ja heute auch ich zuständig. Und das erfordert wirklich Kraft!

Wir fahren weiter. Noch immer ist es dunkel, noch immer regnet es. Unsere nächste Patientin Frau S. braucht uns heute eigentlich nicht – mit ihren 90 Jahren öffnet sie uns frisch gewaschen die Tür: „Ah, da ist ja mein fröhlicher Wecker“. Bezugspflege ist also auch: Kosenamen, Insider, Vertraulichkeiten. „Frau S. sorgt sich immer um mich, wenn ich spät dran bin“, erzählt Christina. Als wir das Haus verlassen, winkt sie uns hinterher, bis wir außer Sichtweite sind. „Wer kümmert sich hier eigentlich um wen?“, frage ich mich amüsiert.

Wie im Flug beenden wir unsere Tour in einem kleinen Blankeneser Häuschen. „Diesem Job wäre ich niemals gewachsen“, war vor Mittwochmorgen meine Haltung zur Altenpflege. „Das ist Unsinn“, lautete Simona Schuhmachers Kommentar dazu. Die Pflegedienstleitung der Elbgemeinden meint: „Es ist kein Beruf, vor dem man Angst haben muss.“ Christina bestätigt: „Es geht nicht um können oder nicht-können. Es geht um wollen. Man muss diesen Job mit Herz machen.“ Und nach sieben Hausbesuchen, sieben Lebensentwürfen, sieben Geschichten weiß ich: Sie hat recht. (Text und Bild: Lena Lugert)