Weckruf in Versform

Weckruf in Versform

„Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium …“ erklang es kürzlich in einem Chor aus vielen Stimmen in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Norderstedt. Grund dafür war der Besuch des Poetry-Slammers Lars Ruppel. Mit seinem berühmten Programm Weckworte für Menschen mit Demenz und mit der Unterstützung einer Gruppe von Altenpflegeschülern weckte er bei den Teilnehmern Erinnerungen, die diese für längst verloren geglaubt hatten.

Keine 30 Sekunden dauerte es, bis Lars Ruppel die Bewohner der WG und Gäste der angrenzenden Tagespflege für sich gewonnen hatte. Und das, obwohl der Gemeinschaftsraum an diesem Vormittag aus allen Nähten platzte: Da waren neben den Altenpflegeschülern auch Mitarbeiter, ein Kamerateam und mehrere Pressevertreter. Dennoch schaffte es der gebürtige Hesse, die Aufmerksamkeit seiner in einem Stuhlkreis versammelten Gäste eine geschlagene Stunde auf sich und sein Programm zu lenken. Indem er sich voll und ganz auf sie konzentrierte – und sie sich auf ihn. Indem er im Viervierteltakt reimte, dichtete, klatschte, mit seiner Stimme spielte und in besonderer Weise mit den Teilnehmern interagierte. Es war unverkennbar: Er bewegte etwas in den Menschen. Viele nahmen aktiv teil, vollendeten seine begonnen Verse, lachten und sangen. In einem der WG-Bewohner fand Lars Ruppel sogar einen ebenbürtigen Konterpart – wann immer der „professionelle Poet“ zum Ende einer Sequenz kam, wusste Herr Hirche noch einen Reim draufzusetzen.

Erfolgserlebnisse schaffen

Wie gelingt es einem 28-Jährigen, der von sich selbst sagt, das Schulfach Deutsch verabscheut zu haben, allein durch Worte einen Zugang zu demenziell erkrankten Menschen zu finden? Er spricht ihre Sprache. Die Sprache einer Generation, die Schillers Lied von der Glocke vor dem Lehrer auswendig aufsagen musste. Bei der das Melken der Kühe noch Handarbeit war und die Schillers Ode an die Freude selbstverständlich mit der Melodie Beethovens 9. Sinfonie kombiniert. Damit schafft er Erfolgserlebnisse. Menschen, deren Alltag aufgrund des zunehmenden Vergessens häufig von Enttäuschungen geprägt ist, können weite Teile des Programms auswendig mitsprechen: „Ich kenne noch den ganzen Text“, staunte eine Teilnehmerin über sich selbst.

Konzept mit Nachhaltigkeit

Zum Konzept von „Weckworte“ gehört die Einbindung des Programms in einen Workshop. In Norderstedt arbeitete Lars Ruppel mit Altenpflegeschülern der IBAF Norderstedt zusammen. Ihnen zeigte er, wie traditionelle Reime, Volksweisen und Lieder Menschen mit Demenz im wahrsten Sinne des Wortes „aufwecken“ können. Grund für seine Kooperationen ist der Wunsch der Nachhaltigkeit seiner eigenen Arbeit: „Ich bin mir bewusst, dass mein Auftritt nur einen kurzfristigen Effekt auf die Teilnehmer hat.“ Deshalb bringt er Menschen aus der Pflegebranche seine Methoden bei. Diese finden große Anerkennung bei den Schülern – stoßen aber auch auf Unsicherheit. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf mich allein gestellt ein solches Ergebnis erbringen könnte. Ich kenne all diese Gedichte nicht“, gibt eine Teilnehmerin zu bedenken. Lars Ruppel nimmt die Angst: Es geht bei den „Weckworten“ nicht um hohe literarische Kunst. Goethe gern – aber nur, wenn man auch selbst Spaß daran hat. Reime, Verse und Strophen gibt es auch in viel einfacheren Formen: „Kindergedichte eignen sich prima“, sagt Lars Ruppel. So nimmt er den Altenpflegeschülern die Angst vorm auswendig lernen. Und „Das Reh springt hoch, das Reh springt weit – warum auch nicht, es hat ja Zeit“ – diesen Reim von Heinz Erhardt hat sich bisher noch jeder merken können.

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